GFPS-Pressefrühstück – Thema: Berichterstattung über 20 Jahre Tschernobylunglück

Einst, als Anna noch nicht Allenstein unsicher machte, Gaddafi fest im Sattel saß und alle dachten, der Sommer wird eine ganz heiße Angelegenheit, trafen sich die altgedienten GFPS-Freunde an einer der meist befahrensten Bahnstrecke Freiburgs. Thema des Treffens Ende Mai im „Holla-Die-Waldfee“ war der 25-jährige Jahrestag der Tschernobyl-Katastrophe, den wir aus unterschiedlichen Perspektiven der GFPS-Länder beleuchteten. Jeder von uns bereitete einige Zeitungsartikel und Blogeinträge vor, um sie vorzustellen und zu diskutieren. Natürlich wurden länderspezifische Erwartungen bestätigt, im internationalen Vergleich konnte jedoch unsere deutsche Perspektive erweitert werden.

Die deutschen Medien setzten sich bekanntermaßen kritisch mit dem Restrisiko der Kernenergie auseinander und nutzten den 25-Jahrestag des Tschernobyl-Unglücks, um die zahlreichen Opfer in den Mittelpunkt zu stellen. Der Reaktorunfall von Fukushima diente hierbei oft als Bestätigung der Gefahr, die von Kernkraftnutzung ausgeht.

Sichtweisen an Weichsel und Moldau – Wie Polen und Tschechen die Atomkraft bewerten

Die Medienlandschaft der beiden östlichen Nachbarn Deutschlands, Polen und Tschechien, verdeutlichten uns eine andere Einschätzung dieser Energiedebatte. In den postsozialistischen Ländern wurde selbstverständlich auf die Mängel und Verfehlungen der damaligen Informationspolitik hingewiesen. Doch diente die Fukushima-Katastrophe einigen polnischen Journalisten nicht dazu, um die Kernkraftnutzung per se zu verurteilen, sondern lediglich dazu, auf die politisch-wirtschaftlichen Systemunterschiede in der Sowjetunion 1986 und in Japan 2011 aufmerksam zu machen.

Noch größer sind die Unterschiede beim Blick in die Zukunft. Sowohl in Tschechien als auch in Polen wird Atomenergie weiterhin als fortschrittlich bewertet. Alternative Stromerzeugung, etwa durch Wind, Wasserkraft und Biomasse, wird in dieser Argumentation oftmals viel skeptischer beurteilt. In Tschechien, wo schon einige Kernkraftwerke betrieben werden und der Anteil an Atomstrom weiter steigen soll, berichtet die Zeitung „Lidové Noviny“ vom 26. April, dass Kohleförderung und -nutzung mehr Todesopfer fordere als Atomenergie. Auch in Polen entdeckten wir einige polemische Artikel, die der deutschen Bundesregierung einen überhasteten und wenig durchdachten Ausstieg vorwarfen. In Polen, wo noch keine Meiler am Netz sind, begrüßen Regierungsvertreter und politische Entscheidungsträger der für den Bau neuer Reaktoren bestimmten Regionen, die Atomkraft als zukunftsweisend und sicher. Umfragen zufolge stieg seit 1990 die Zahl der Atomkraftbefürworter. Anders als in der Bundesrepublik haben viele Polen keine Ängste in Zukunft ihren Strom aus Kernspaltung zu beziehen. Trotz dieser Aussichten ist der polnische Ministerpräsident gewillt, nach dem Supergau in Japan den Atomeinstieg nur durch einen gesellschaftlichen Konsens zu realisieren.

Im Bann der Folgeschäden – Perspektiven in Belarus und Ukraine

Nach den mitteleuropäischen Kernländern der GFPS wendeten wir uns den zwei Ländern zu, in denen das Reaktorunglück vom 26. April 1986 besonders schwerwiegende Folgen nach sich zog. Hier, in der Ukraine und in Belarus, sind die schrecklichen Folgen nach 25 Jahren immer noch spürbar. Mit der gesundheitlichen Fürsorge von Strahlenopfern und der Frage nach einem neuen Betonsarkophag an der Unglücksstelle standen bei Bloggern und Journalisten zwei wichtige Probleme im Vordergrund. Die „Ukrainskaja Prawda“ beispielsweise berichtete ausgewogen über die Gedenkfeierlichkeiten in Kiew, bei denen die sogenannten „Liquidatoren“, die ersten Helfer beim Reaktorunglück, geehrt wurden und bei der die internationale Gemeinschaft 550 Millionen Euro für eine neue Schutzhülle bereitstellte.

Allerdings wurde in mehreren Internetkommentaren zum Artikel das ukrainische Establishment gerügt. Die weiterhin schwelende Gefahr, die von Atomkraft ausgehe, mischte sich bei diesen Kritikern mit Korruptionsvorwürfen gegen die eigene Regierung, die in der Annahme mündeten, dass die Gelder für den Betonsarkophag zur Finanzierung der Fußball-Europameisterschaft 2012 genutzt werde. Die Erinnerung an das Tschernobyl-Unglück wurde zum Anlass genommen, mit der politischen Führung im eigenen Land abzurechnen. Als positive Vergleichsfolie diente hierbei der Atomausstieg der deutschen Regierung. In Belarus, das wegen der Nähe zum Unglücksreaktor besonders stark betroffen war und ist (etwa 70 % des radioaktiven Fallouts ging im belarussischen Südosten nieder), wird dieses Thema bis heute tabuisiert. Lediglich kritische Emigranten, wie die Autoren des englischsprachigen Internetforums „Belarus Digest“, wiesen vom Ausland aus auf die widersprüchliche (Nicht-)Erinnerungspolitik der Lukaschenka-Administration hin. Zum einen wird jegliches Gedenken an die reaktive Verseuchung untersagt, zum anderen benutze Lukaschenka die flächendeckende Verstrahlung in seinem Land, um im westlichen Ausland Spenden zu akquirieren.

Radioaktivität überschreitet Grenzen – Ängste und Warnungen vor ihr nicht unbedingt

Unsere zugegebenermaßen etwas eingeschränkte Artikelauswahl macht deutlich, dass in den mittel- und osteuropäischen Ländern unterschiedliche Lehren aus dem Reaktorunglück von Tschernobyl gezogen wurden. Die deutsche Ablehnung der Atomkraft, die in Folge der Explosionen in Fukushima noch einmal an Fahrt gewann, stößt insbesondere in Tschechien und Polen auf Unverständnis. Der sicherheitspolitischen Perspektive in Deutschland entspricht hier eine vielmehr auf wirtschaftliche Faktoren gestützte Argumentation in der Debatte. Handelt es sich in Mitteleuropa lediglich um verschiedene Konzepte der Energiepolitik, sind die Gesellschaften in Belarus und der Ukraine immer noch unmittelbar von den realen Folgeproblemen der Tschernobyl-Katastrophe betroffen. Aufgrund der instabilen politischen Lage in der Ukraine und in der belarussischen Diktatur überlappen sich die Folgeschäden hier mit den Mängeln des jeweiligen politischen Systems.

Aufgrund unseres persönlichen Interesses an Mittel- und Osteuropa konnten wir das Thema „Erinnerung an das Tschernobyl-Unglück“ differenziert und vergleichend behandeln. Trotz der medialen Vernetzung der Welt stellten wir mit Erstaunen fest, dass sich nationale Wahrnehmungen direkt benachbarter Länder zum Teil stark unterscheiden.

(Holger Lühmann und Jakub Sawicki)



Follow

Get every new post delivered to your Inbox.